deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

High End ohne Hi Fi



Die Epoche der Analog-Boliden neigt sich dem Ende zu. Die massigen Verstärker, die schweren CD-Spieler, all die funkelnden, wertvoll aussehenden Geräte in den HiFi-Geschäften sind im Begriff, von der technischen Entwicklung überholt zu werden.

Das grosse Sauriersterben hat begonnen, und mit ihm ist eine Branche bedroht, die mehrere Jahrzehnte lang mit analogem Stereoton prächtig verdient hat. Bedrängt von Heimkino einerseits und Digitalisierung andererseits, geht es dem klassischen Stereo-High End schlecht. Ohne Begeisterung verkaufen die alten HiFi-Geschäfte nun auch Multimedia-Geräte, Monitore, DVD-Spieler und eine Vielzahl kleiner Böxchen.

Die zentnerschweren Stereo-Boliden aber verstauben in den Regalen. Ihre Aufgabe, nämlich wirklich highendige stereofone Klangqualität zu vermitteln, wird nun auch hinterfragt. John Meyer von der Lautsprecherfabrik Newform Research (bekannt für ihre mannshohen Bändchen-Lautsprecher) in Kanada war vermutlich der Erste, der entdeckte, dass man mit Billig-Geräten aus dem Profi-Sektor und aus der Multimedia-Branche hervorragende Tonqualität erzeugen kann, zu einem Bruchteil der Kosten der analogen Boliden.

Man nehme etwa:
1 handelsüblichen DVD-Spieler, möglichst ein Markenfabrikat
1 digitalen Mastering Prozessor der deutschen Firma Behringer
1 digitale Frequenzweiche derselben Marke
1 „digitalen“ 6+1 Receiver einer grossen japanischen Marke (etwa Panasonic).

In dieser Reihenfolge miteinander verbunden lassen sich an den Receiver 4 (bzw. 5 oder 6) Satellitenlautsprecher und ein aktiver Subwoofer anschliessen. Die vier Kanäle erlauben stattdessen auch die Speisung eines Paars von Zweiweglautsprechern, oder den symmetrischen Betrieb eines Paars von Einweglautsprechern.

Der Mastering Prozessor — digital an den DVD-Spieler angeschlossen — ermöglicht, verlustfreie (da digitale) Klangkorrekturen durch einen graphischen und einen parametrischen Equalizer, sowie durch einen Expander/Kompressor. Ausserdem bietet er, in Kombination mit einem billigen Elektret-Messmikrofon, eine RTA (real time analyzer)-Funktion. Hier freilich enttäuscht das Ergebnis: da der Frequenzgang des Mikrofons nicht kalibriert ist, hat der so ermittelte Frequenzverlauf der Anlage wenig Aussagekraft. Ein separates, möglichst kalibriertes Messgerät ist erforderlich, wenn man das Klangkorrektur-Potential der Anlage ausschöpfen will.

Die Frequenzweiche wird digital vom Prozessor gespeist und ermöglicht die sehr flexible Gestaltung einer Zweiweg- oder Dreiweg-Filterung; immer verlustfrei, da digital. Filterflanken können zwischen 6 db und 48 db gewählt werden. Die relativen Lautstärken der drei Wege und der Weiche insgesamt können geregelt werden. Ein weiterer vorhandener Kompressor/Expander ist einfacher zu bedienen als der im Prozessor. Ein zusätzlicher parametrischer Equalizer ist ebenso vorhanden, sowie die Möglichkeit, Phasenverlauf und Abstand der Chassis voneinander durch eine delay-Funktion zu korrigieren.

Um durch die analogen Dreiweg-Ausgänge (gespeist durch 6 Digital/Analogwandler von angeblich 24/96 Qualität) der Frequenzweiche den Receiver nicht zu übersteuern, könnte eine generelle Absenkung des Ausgangspegels um 10 db erforderlich sein.

Der Receiver wird auf die Menu-Einstellung „DVD-6 channel“ gebracht, so dass er praktisch nur als regelbare Endstufe arbeitet. Regelbar, weil alle Kanäle vom Lautstärkeregler gesteuert werden. Die zahlreichen weiteren Funktionen (Video, Tuner etc.) des Receivers bleiben in dieser Konfiguration ausgeschaltet.

In wohl 99 Prozent aller teuren analogen High End-Anlagen sind weder die Geräte aufeinander, noch ist die ganze Anlage auf den Raum eingemessen, und könnte mangels Möglichkeiten zur verlustfreien analogen Klangbeeinflussung auch garnicht eingemessen werden.

Nur die digitale Signalverarbeitung ermöglicht durch Einmessung einen Quantensprung in der Klangqualität. Bislang war das freilich ein Luxus teurer High End-Geräte wie etwa der Vor/Endverstärker-Kombination der US-Firma Tact oder der Raumkorrekturgeräte der Firmen SigTech, TAG-McLaren usw.

Man darf aber nicht erwarten, dass die neuen, preiswerten Profi- und Multimediageräte gleichsam wie Manna vom Himmel fallen. Erstens wird jeder Verkäufer vor ihnen warnen, denn sie verdrängen ja die kostspieligen Boliden, an denen viel besser verdient wird. Ausserdem ist die korrekte Einstellung der Profigeräte nicht jedermanns Sache. Man muss schon ein technisches Grundverständnis besitzen und mehrere Stunden Zeit samt einem genauen Studium der Bedienungsanleitungen aufwenden.

Andererseits sind die Geräte aber klein und leicht, und liefern für ihren bescheidenen Gesamtpreis (John Meyer spricht von „unter 1000 Dollar“) eine verblüffende Klangqualität. Wer das einmal gehört hat, der mag nicht mehr zu den analogen Schlachtschiffen zurückkehren.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Heinrich von Loesch